Geschichte

Unsere jetzige Pfarrgemeinde St. Andreas steht auf dem Fundament einer beinahe tausendjährigen Geschichte. Die Anfänge von Neuenberg reichen zurück bis in das 11. Jahrhundert. Auf dem linken Fuldaufer, gerade der Abtei gegenüber (also nach Osten hin), errichtete der 21. Abt des Klosters Fulda, Abt Richard von Amorbach (+1039), ein dem hl. Apostel Andreas gewidmetes Nebenkloster, das später den Namen "Neuenberg" erhielt.

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Somit erhielt die "sakrale Landschaft", die das Kloster Fulda zum Mittelpunkt hatte, einen gewissen Abschluß, nachdem bereits in drei Himmelsrichtungen (im Norden Frauenberg, im Osten Petersberg und im Süden Johannesberg) Filialklöster gebaut waren.

Das Kloster Fulda war zu dieser Zeit schon sehr reformbedürftig geworden. Kaiser Heinrich II., der sehr um das Wohl der Kirche besorgt war, sah in dem gelehrten und frommen Reformabt Richard von Amorbach den geeigneten Mann, um das Kloster Fulda wieder zur Ordnung zu bringen. So drängte er die Fuldaer Mönche zur Wahl dieses Abtes. Die Mönche fügten sich und wählten in Richard zum ersten Male einen auswärtigen Mönch zu ihrem Vorsteher.

Es darf wohl angenommen werden, daß Abt Richard für seine Aufgabe ein eigenes Kloster gründen wollte, von dem aus er seine Reformtätigkeit mit einem auserwählten Konvent von Mönchen durchführen konnte. Vom "Neuen Berge des hl. Andreas" als einem Musterkloster sollte eine neue Stoßkraft und eine reformierte Lebenshaltung auf das Benediktinertum und das gesamte Leben der Kirche ausgehen.

Im Jahre 1023 wurde die fertiggestellte Kirche auf dem Neuenberg durch den Mainzer Erzbischof Aribo konsekriert.

Erster Vorsteher ("praepositus" ~ Propst) wurde Bardo, ein Verwandter der Kaiserin Gisela, der 8 Jahre später Erzbischof von Mainz werden sollte. Abt Richard fand seine letzte Ruhestätte in der St. Andreaskirche. Sein Grab blieb bis heute unverändert und ist das einzige Abtsgrab in Fulda, das aus der Zeit vor 1700 stammt. Das Kloster beherbergte in den ersten Jahren etwa 25 Mönche.
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Schon bald gruppierten sich um das Kloster verschiedene Ansiedlungen. So entstand allmählich ein Dorf, dessen Bestehen schon für die Mitte des 12. Jahrhunderts ausdrücklich bezeugt ist. Im Jahre 1512 bestand die Einwohnerschaft von Neuenberg aus 24 Viehhaltern, 1811 hatte es 42 Feuerstellen mit 384 Seelen.

Die Propsteikirche diente dem Dorf auch als Pfarrkirche. Ursprünglich befand sich in der Mitte des Längsschiffes ein Lettner (steinerner "Raumteiler"), an dem ein Volksaltar angebracht war. Dieser Lettner trennte den Klausurteil der Kirche, der den Mönchen vorbehalten war, von dem Kirchenraum, den die Dorfbewohner betreten durften..

Als im Jahr 1525 der Bauernkrieg das Kloster auf dem Neuenberge zerstört hatte, wurde dasselbe mit seinen Bewohnern der Stiftspfarrei Fulda (heute Dom) zugewiesen, während das Dorf selbst seelsorglich von Haimbach aus betreut wurde. Seit 1715 gehörte dann auch das Dorf Neuenberg zum Seelsorgsbezirk des Domes. Und so blieb es bis zum Jahre 1939.

Eine große Heimsuchung erlitt das Kloster im Jahre 1441 durch eine gewaltige Feuersbrunst, die das Klostergebäude größtenteils vernichtete. Der Wiederaufbau ging nur langsam vonstatten. Schon vorher war der Reformeifer der Mönche von St. Andreas erloschen. Das Kloster diente bis zur Säkularisation nur noch als einkömmliche Pfründe für adelige Pröpste.

Die zweite große Heimsuchung geschah im oben erwähnten Bauernkrieg. In der Osterwoche 1525 waren große Massen revoltierender Bauern aus Schwaben und Franken bis nach Fulda vorgestoßen. In Dipperz hatten sie sich einen landeskundigen Rädelsführer gedungen und nahmen Marschrichtung auf Fulda. Zunächst waren das Hauptkloster Fulda und die umliegenden Filialklöster Opfer ihrer Wut. Dann machten sie das Kloster St. Andreas zum Ziel ihrer Vernichtung. Kirche und Kloster wurden verwüstet. Die Mönche kehrten nicht mehr dorthin zurück.

In der Mitte des 17.Jahrhunderts wurde die St. Andreaskirche barockisiert. Das Kirchenschiff erhielt große Fenster, und die romanische Balkendecke wurde durch ein Stuckgewölbe ersetzt.

Die größte Kostbarkeit aber blieb erhalten: die Krypta (unter dem Altarraum), die seit der Gründung des Klosters (1023) unverändert geblieben ist. Sie wird von vier Säulen mit attischen Basen und romanischen Würfelkapitellen getragen. Von hoher kunstgeschichtlicher Bedeutung sind die Wandmalereien (Seccomalereien) an dem Gewölbe der Krypta, die zeitlich in das Jahr 1025 zu verweisen sind. Sie sind einmalig in der mittelalterlichen Wandmalerei. Aus ihrer Entstehungszeit gibt es in Deutschland nur auf der Insel Reichenau (Georgskirche) vergleichbare Wandbilder.

Im Jahre 1932 wurden diese alten Wandmalereien bei Instandsetzungsarbeiten entdeckt und sorgfältig freigelegt. Sie zeigen eine liturgische Prozession von 22 Engeln in Richtung Altar. An der Ostwand (Apsis) befinden sich drei kleine romanische Fenster, in deren Laibungen die alttestamentlichen Gestalten Abel, Abraham und Melchisedek dargestellt sind, die seit frühchristlicher Zeit als Opfertvorbilder (sog. "Typos") für das Kreuzesopfer Christi und die Darbringung der Eucharistie gelten.

Im Turm der St. Andreaskirche (1. Obergeschoß) befindet sich die sog. Johanneskapelle, die im Jahre 1480 von Propst Gerlach II. errichtet wurde. Davon sind heute noch erhalten: die Altarnische mit Durchblick zum Chor und der steinernen Mensa; außerdem das gotische Kreuzrippengewölbe mit einem dreiblättrigen Kleeblatt als Schlußstein.