Restaurierung der Wandmalereien

Geschrieben von Christine Kenner   (7. Januar 2006)

Die Restaurierung der Wandmalereien in der Krypta von St. Andreas zu Fulda-Neuenberg

Summary

Der kleine um 1023 entstandene, mit einem von vier Säulen getragenen Gewölbe überspannte Raum liegt halbunterirdisch unter dem Chor der St. Andreaskirche. Bei der vorhandenen Ausmalung handelt es sich um ein in Europa seltenes Beispiel für eine nahezu kompletten erhaltene Raumgestaltung aus dem Frühmittelalter. Wesentliche Darstellungsinhalte sind ein Zyklus von 22 Engeln, umrahmt von verschiedenen Ornamentbändern, sowie alttestamentarische Szenen kombiniert mit einem Christusbildnis in den Fensternischen. In dem Bezug der Darstellungen auf die im Alten und Neuen Testament beschriebenen Formen der mosaischen Stiftshütte und dem Tempel im himmlischen Jerusalem wird der Raum zu einem Zeichen gesteigerter Auferstehungshoffnung, wesentliche Glaubensinhalte der christlichen Heilsgeschichte erlangen hier eine architektonische und bildliche Form.

Entdeckt 1931 und renoviert 1952 präsentierten sich die Wandmalereien um 1990 in einem verschmutzten Zustand, in dem in Teilbereichen kaum mehr Darstellungen zu erkennen waren. Schäden an der Ausmalung führten nach umfangreichen Untersuchungsarbeiten 1991-1994 zu einer Restaurierung, bei der die Übermalungen der letzten beiden Renovierungsphasen entfernt, der frühmittelalterliche Malereibestand freigelegt und ausgebessert wurde. Aufgrund der sehr problematischen Schäden und der Bedeutung der Wandmalereien wurden die Arbeiten an den ca. 60 m² bemalten Gewölbeflächen sehr sorgfältig, in einer der Gemälderestaurierung vergleichbaren Vorgehensweise unter Einbindung zahlreicher Experten unterschiedlichster Fachdisziplinen vorgenommen. Die Restaurierungsarbeiten wurden in den Jahren 1994 bis Frühjahr 2006 ausgeführt. Sie erfuhren eine intensive Betreuung von Seiten des Hessischen Landesamtes für Denkmalpflege und der Bauabteilung des Bischöflichen Generalvikariats Fulda, die zusammen mit der Kirchengemeinde Neuenberg die Finanzierung getragen haben.
Die Gesamtkosten betrugen 1.212.013 EURO. Für die Betreuung der Arbeiten wurde zusätzlich eine überregionale Kommission einberufen. Dieser gehören neben den Vertretern der Fachbehörden die jeweiligen naturwissenschaftlichen Gutachter, die ausführenden Restauratoren, sowie Experten aus den Bereichen Kunstgeschichte und Restaurierung an. Ziel der Arbeiten war, die heute zur Verfügung stehenden Möglichkeiten einzusetzen, um dieses fast tausendjährige kulturelle Erbe nicht dem Zerfall zu überlassen, sondern an nachfolgende Generationen weiter zu geben. In den vergangenen zehn Jahren konnten keine neuen Schäden mehr an der Ausmalung beobachtet werden. Die Zerfallsprozesse sind in diesem Zeitraum zum Stillstand gekommen. Die abgeschlossene Restaurierung ermöglicht erstmals seit 60 Jahren einen durch keinerlei Übermalungen verfälschten Blick auf frühmittelalterliche Darstellungsformen. Überlegungen zu einer wissenschaftlichen Einordnung der Wandmalereien erhalten damit eine Basis.
Die Krypta kann nun dem Betrachter einen visuellen Eindruck der Weltdeutung und Glaubensinhalte frühmittelalterlicher Frömmigkeit vermitteln, ganz anders als dies Schriftzeugnisse vermögen.
Die Gründungsgeschichte und die religiösen Inhalte der Ausmalung von St. Andreas lassen die Wandmalereien aufgrund ihrer vielfältigen Bezüge zu den geistigen Zentren der Zeit wie zum Beispiel Rom, den Klöstern Gorze, Cluny und Fleury, zusammen mit dem für diese Zeit umfangreichen und qualitätvollen Bestand zu einem Kunstwerk überregionaler, europäischer Bedeutung werden.