Die Krypta - ein heilsgeschichtlicher Kosmos

Geschrieben von Pfr. Winfried Abel   (7. Januar 2007)

Die Krypta - ein heilsgeschichtlicher Kosmos

Versuch einer theologischen Deutung

 
Die Krypta von Neuenberg ist ein kunsthistorisches Denkmal von seltenem Wert. Neben der St. Georgskirche auf der Insel Reichenau dürfte sie der einzige komplett ausgemalte Kirchenraum aus ottonischer Zeit auf deutschem Boden sein.
So wie die Wandmalereien auf der Reichenau eine bestimmte theologische Linie verfolgen, so stellt auch das Bildprogramm der Neuenberger Krypta einen "theologischen Kosmos" dar.

Reliquienschrein und Krone des Himmlischen Jerusalem

Zunächst einmal sei der lapidar klingende Hinweis gestattet, dass sich die Krypta direkt unter dem Altarraum befindet. Das sagt etwas über die allgemeine Bedeutung solcher "verborgenen Räume" (Urbedeutung von "Krypta") aus. Schon in frühchristlicher Zeit war es Brauch, über den Gräbern der Märtyrer Altäre zu errichten. Das Kloster Fulda hat diesen Brauch selbstverständlich ebenso gepflegt wie andere Klöster oder Bischofskirchen. In Ermanglung von Heiligengräbern bediente man sich der – vorzüglich in Rom erworbenen – Reliquien von Märtyrern. Rabanus Maurus hat sich zu seiner Zeit als Reliquiensammler einen Namen gemacht, indem er die Klosterkirche von Fulda und deren Filialklöster reichlich mit Gebeinen der Heiligen ausstattete.

Auf der Westseite der Krypta von St. Andreas ist noch eine Nische zu sehen, in die einst ein Reliquienschrein eingelassen war, unmittelbar anstoßend an das Grab des Abtes Richard. Auch das hatte seine Bedeutung: der Abt wollte schon auf Erden in seinen leiblichen Überresten mit der Gemeinschaft der Heiligen in Berührung bleiben und zugleich mit dem Gesicht die aufgehende Sonne schauen; - ein Zeugnis des Glaubens an die Auferstehung der Toten.

An der Deckenwölbung zwischen den beiden westlichen Säulen der Krypta ist noch ein rostiger Eisenhaken zu sehen, der noch aus der Gründungszeit des St. Andreas-Klosters stammt. Die Annahme, es handle sich hier um die Aufhängung für eine Lampe, hat sich nicht bestätigt. Aus vergleichenden Darstellungen – dazu gehören auch mittelalterliche Fuldaer Buchmalereien - wissen wir, dass in solchen Bögen vornehmlich Reliquienkronen hingen, also kostbar verzierte, vergoldete Reifen mit eingelassenen Reliquien, die das himmlische Jerusalem darstellten. Eine solche wertvolle Reliquienkrone, die "Krone des himmlischen Jerusalem" hängt neuerdings wieder an dieser Stelle. Sie wurde im Jahre 2005 von dem Goldschmied Michael Amberg aus Würzburg gefertigt und enthält zwölf Reliquien, darunter die des Apostels Andreas, des hl. Franz von Assisi, der hl. Edith Stein, des sel. Ruppert Meyer und des hl. Maximilian Kolbe. Die Zwölfzahl der Reliquien, Granate, Amethyste und Goldblättchen mit Engeldarstellungen fügt sich durch ihre Symbolik in das Programm der Wandmalereien ein und gibt der Krypta ihre ursprüngliche Funktion zurück.

Die Krypta diente also vor allem der Aufbewahrung und Verehrung der kostbaren Reliquien. Die beiden Treppen, die zur Rechten und zur Linken des Altarraums in die Krypta führen und – vergleichbar mit der Bonifatiusgruft des Fuldaer Doms – einen Abstieg und Aufstieg bilden, verweisen noch auf die ursprüngliche Art der Reliquienverehrung.

Vom Zelt zur befestigten Stadt

Wichtig für das Verständnis des gesamten Bildprogramms wäre eigentlich die Malerei auf dem Sockel der Krypta-Wand, die leider komplett bei der ersten Restaurierung 1932 beseitigt worden ist. Hier war einst ein Vorhang gemalt, wie er noch bruchstückhaft an dem mittelalterlichen Rest der Chorschranken des Altarraums zu sehen ist.

Der Vorhang ist für die Deutung des gesamten Bildprogramms insofern wichtig, weil er gewissermaßen die "untere Etage" des Weltenbaus bezeichnet, nämlich das Pilgerdasein und Unterwegssein des irdischen Lebens - und die hoffnungsvolle Erwartung der "oberen Etage", der fest gegründeten Stadt, des himmlischen Jerusalem. Biblisches Symbol dafür ist das Zelt. Der Hebräerbrief erwähnt: Abraham lebte wie Isaak und Jakob in Zelten, "denn er erwartete die Stadt mit den festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut hat". Gemeint ist das Himmlische Jerusalem, auf das die neue Reliquienkrone, aber auch die gesamte obere Ebene der Malerei hindeutet, (vgl. Hebr.11,9f). Die Krypta in ihrer Ausstattung entsprach somit genau der Vorstellungswelt des Rabanus Maurus, der bekanntlich für die alte Stiftskirche in Fulda eine Nachbildung des Bundeszeltes samt Bundeslade (Reliquienschrein) hatte anfertigen lassen.

Bedeutsam ist auch die Vier-Zahl der Säulen in der Krypta. Sie erinnert an die Anweisung, die Gott dem Mose für den Bau des Bundeszeltes gab (Ex.36,36). Die Vierzahl ist die Zahl der menschlichen Begrenztheit und Vergänglichkeit, sie wurde im Altertum im Zusammenhang mit den vier Himmelsrichtungen gesehen, deren (griechische) Anfangsbuchstaben den Namen "Adam" (Staub) ergaben. Die Vier wird "komplettiert" durch die Drei, Symbolzahl Gottes, die in den drei Apsisfenstern der Krypta zu finden ist. Drei plus vier gibt sieben, also die Symbolzahl des Gott-Menschen, Christus, - zugleich der Kirche, die in ihrer irdischen Gestalt der bleibende gott-menschlich wirkende Christus auf Erden ist. Die Multiplikation von drei und vier ergibt die Zahl 12, Symbolzahl für die Vollendung, also das Himmlische Jerusalem. Die Krypta ist ganz von dieser Zahlensymbolik beherrscht, die im Altertum und im Mittelalter noch weithin verstanden wurde.

Die obere Ebene der Malerei stellt die "obere Etage", den Himmel, dar, - die "Dreimalvier". Sie weist darauf hin, wie sehr Himmel und Erde eine untrennbare Einheit sind. An den nördlichen und südlichen Wänden der Krypta und in der Apsis sind 12 Engel dargestellt; die ihren Blick zur aufgehenden Sonne richten. Sie befinden sich in prozessionsartiger Bewegung. Die Stäbe in ihren Händen sind die Sinnbilder der Boten Gottes (griech. "angelos"~Bote~Engel). Außerdem tragen sie in ihren Händen "Scheiben", genauer gesagt Kugeln, die den Kosmos bezeichnen (griech. "sphaira"~Sphäre). Den Engeln sind die Baupläne des Kosmos anvertraut; sie wirken als Mittler und Mitarbeiter Gottes bei der Ausgestaltung der Schöpfung und der Vollendung ("Selbstverwirklichung") des Menschen mit. Das Bild des "Schutzengels" ist auch der modernen Gesellschaft wieder vertraut geworden.

Das Spiel der Sonne

Der Sonnenaufgang und der zur Sonne ausgerichtete Altar bilden die "Orientierung" für die Engelprozession und zugleich für die betende Gemeinde, - so wie auch die Gebetsrichtung der Christen bis in die neueste Zeit immer "orientiert", also nach Osten ausgerichtet war.

Überhaupt ist die Krypta ganz auf die kosmische Wirkung des Lichtes ausgerichtet. Zu Zeiten der Tag- und Nachtgleiche, im März und September, fällt die Sonne morgens waagerecht durch das Mittelfenster in die Krypta ein und wirft ein phantastisches Spiegelbild in Form eines Rundbogens auf die Reliquien-Nische bzw. das Fußende des Grabes von Abt Richard. Ein einmaliges Licht-Erlebnis für Frühaufsteher!

Zur rechten und Linken der Reliquiennische und des Abtsgrabes sind je zwei Engel gemalt, die als Zeugen der Auferstehung (~ Sonnenaufgang) dem Abtsgrab zugewandt sind.

Opfer und Altar

Neben der Reliquien-Aufbewahrung und –Verehrung war die Krypta der Ort der Feier der Eucharistie. Davon zeugt noch der an der Ostwand aufgestellte Altar. Wie zwei Brennpunkte einer Ellipse bestimmen Altar und Reliquienschrein die Bedeutung dieses mittelalterlichen Raumes, zugleich werden diese beiden Koordinaten noch einmal durch die Ausrichtung der in den Wandmalereien dargestellten Engel deutlich betont.

Im Hinblick auf den Altar und die Opferfeier sind auch die Bilder in den Laibungen der drei Fenster von Bedeutung, die der ersten Ausmalungsphase der Krypta zuzuordnen sind. Sie weisen auf den bereits erwähnten "zweiten Brennpunkt der Ellipse", den Altar und die Feier der Eucharistie, hin. Hier sind – von links nach rechts – die drei im Römischen Hochgebet erwähnten alttestamentlichen Vorbilder für das Opfer Christi dargestellt: Abel, Abraham und Melchisedek.

Das "Opfer des Abel" ist am besten erhalten: zur Linken sieht man Abel in der ehrfürchtigen Haltung eines Opferpriesters mit seinen durch ein Velum verhüllten Händen Gott das Lamm darbieten (Sinnbild für das "Lamm Gottes"), - daneben Kain mit abgewandtem Gesicht, eine Ährengarbe in seiner Linken, in seiner Rechten den tödlichen Knüppel. Auf der Fensterlaibung gegenüber ist Kain noch einmal mit erhobener Keule als Brudermörder dargestellt; Abel sinkt zu Boden und weist mit seiner Rechten auf Christus hin, der in einer Mandorla im Scheitel der Fensternische erscheint.

Die theologische Aussage springt ins Auge: Abel opfert in dem Lamm nicht eine materielle Gabe, sondern sich selbst. Diese Ganzhingabe (in der Kultsprache "holocaustum") kann er in freiwilligem Vollzug vollenden, als sein Bruder ihn mit der Keule erschlägt. Darin ist er das vollendete Vorbild für Christus.

In der äußeren rechten Fensternische ist noch verhältnismäßig deutlich das Opfer des Priesterkönigs Melchisedek zu erkennen. So wie Abel und Kain doppelt dargestellt sind, so auch Melchisedek, links mit dem erhobenen Kelch, rechts mit der dargebotenen Brotscheibe (man beachte das ausdrucksstarke Gesicht!). Brot und Wein sind die eucharistischen Gaben, in denen Jesus beim Abendmahl seine Ganzhingabe symbolisch darstellt. Im Hebräerbrief (6,20) wird Christus als der "Hohepriester nach der Ordnung des Melchisedek" bezeichnet.

Im mittleren Fenster ist nur noch der Rest einer besonders prächtigen Mandorla erhalten, in der wohl Christus mit ausgebreiteten Armen thronend dargestellt war. Darunter muß sich zur Rechten und zur Linken die wichtigste alttestamentliche Darstellung befunden haben, das "Opfer des Abraham". Von dieser Malerei ist leider nichts mehr zu sehen. Das kostbare Bild wurde zerstört, als man in der Barockzeit die beiden Fenster - Mitte und rechts - erweiterte, um der Krypta mehr Licht zuzuführen. Das Opfer Abrahams ist sicherlich das bedeutsamste Vorbild für das Opfer Christi. Es weist auf das "Engagement" des göttlichen Vaters hin, der "die Welt so sehr geliebt hat, dass er seinen einzigen Sohn für uns dahingab" (vgl. Joh.3,16).

Die Medaillons als "fromme Nutzanwendung"

Das Kryptagewölbe ist mit 11 Medaillons geschmückt, die bekrönte Frauenköpfe zeigen. Es sind allegorische Darstellungen von Tugenden, wie wir sie in mittelalterlichen Tugendkatalogen finden. Diese Darstellungen bilden sozusagen die "fromme Nutzanwendung" für den Betrachter, der sich noch auf dem Pilgerweg von der vergänglichen Welt (Vorhang) zum Himmlischen Jerusalem (obere Ebene der Malerei) befindet. Die 11 Tugenden weisen ihm den Weg und helfen ihm, das Ziel seiner Pilgerschaft zu erreichen. Sie setzen sich zusammen aus den drei sogenannten göttlichen Tugenden (vgl. 1Kor.13,13) Glaube, Hoffnung und Liebe, die wiederum den drei Kryptafenstern zuzuordnen sind, dann aus den vier berühmten Humantugenden, auch Kardinaltugenden genannt: Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit und Maß, die den vier Kryptasäulen zugeordnet werden müssen; schließlich aus den vier christlichen Tugenden: Frömmigkeit, Geduld, Enthaltsamkeit (Keuschheit) und Brüderlichkeit, wie sie der Zweite Petrusbrief aufzählt (vgl. 2Petr.1,5-7).

Die ornamentale Ausmalung der Krypta, die etwas orientalisch anmutet, dient der Untergliederung der bemalten Fläche und erinnert wiederum an die Ausstattung des Bundeszeltes des Volkes Israel. Hier fallen vor allem die sogenannte Palmetten auf, die schon in der heidnischen Antike häufig als Ornamentbänder, als Sinnbilder für das Leben, dienten.

Die Neuenberger Krypta bietet somit ein Bildkatechese ersten Ranges. Wer sich mit der Sprache der Symbole vertraut gemacht hat, wird dort eine Fülle von Inspirationen finden, vor allem aber eine abgerundete Darstellung des Kosmos und der menschlichen Heilsgeschichte. Natürlich lädt die Krypta auch zum stillen Verweilen ein, am tiefsten aber erschließt sie sich dem Besucher im gottesdienstlichen Vollzug.