Die Krypta von St. Andreas

Geschrieben von Christine Kenner   (7. Januar 2007)

Unsere Restauratorin Christine Kenner über die Krypta von St. Andreas

Die Krypta von St. Andreas Fulda

Als man 1991 aufgrund sich ablösender Malschichten mit Untersuchungsarbeiten an den Ausmalungen der Krypta von St. Andreas begann, ahnte keiner der Beteiligten, dass unter den flächenhaften Übermalungen aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der wertvollsten Schätze frühmittelalterlicher Wandmalerei nördlich der Alpen verborgen lag.Die Gefährdung der Malereisubstanz aus dem frühen 11. Jahrhundert durch schädigende Übermalungen und starker Schimmelbefall bildeten den Ausgangspunkt für die seit über zehn Jahren laufende umfassende und aufwändige Restaurierung der Wandmalereien. Die Krypta ist dem Gründungsbau der Klosterkirche zugehörig. Die ursprüngliche Raumgestalt des frühen 11. Jahrhunderts ist erhalten und wirkt mit einer Länge von ca. 6,3 m, einer Breite von 6,5 m und einer einheitlichen Scheitelhöhe von knapp 3 Metern in ihren Proportionen ausgewogen und harmonisch. Das Gewölbe wird von vier Säulen getragen. Die Rundbogenöffnung an der Westwand ermöglicht einen Durchblick und eine räumliche Verbindung zur Grabanlage des Abtes Richard und zum Kirchenraum.


Während der Verputz mit Malereien an den Wänden bei der Renovierung 1932 bis in eine Höhe von ca.2m vollständig abgeschlagen wurde, sind an den Gewölbeflächen und in den Fensternischen Wandmalereien vorhanden, die sich in durch Ornamentbänder und Begleitstreifen begrenzte Malereibereiche aufteilen lassen. Sie sind in zwei zeitlich unterschiedlichen Phasen entstanden. Die Wandmalereien wurden in Seccomaltechniken ausgeführt, d.h. die Maler arbeiteten mit in Bindemittel angerührten Erdpigmenten auf den bereits trockenen Putz.

Engelgruppe mit Sphaira und Stab
an der Nordwand der Krypta

Farbenprächtig erhalten:
Engel über einer der vier Säulen

Im Zuge der ersten Phase (um 1023) erfolgte die Ausmalung der drei Fensternischen, während die übrigen Wand- und Gewölbeflächen weiß getüncht waren. In der nördlichen und südlichen Fensternische befindet sich jeweils ein Christus-Bildnis mit unterhalb davon an den Nischenwänden angeordneten Szenen aus dem Alten Testament zu den Opfern von Kain und Abel sowie dem Priester Melchisedek. Die Darstellung in der mittleren Fensternische liegt nur noch in Resten vor. Hier hat man sich einen mit erhobenen und ausgebreiteten Armen thronenden Christus vorzustellen. Zur zweiten Ausmalungsphase (vor 1040) wurden dann die Wand- und Gewölbeflächen mit Ornamentbändern, einem Zyklus von 22 Engeln und Bildnissen von gekrönten, nimbierten Figuren in Medaillons (Personifikationen von Tugenden) verziert und die Malereien der Fensternischen in das Programm integriert.



Architektur und Wandmalereien der Krypta nehmen formal und inhaltlich Bezug auf die im Alten Testament beschriebenen Formen und Dekorationen der mosaischen Stiftshütte, dem Bundeszelt, das Mose beim Auszug des Volkes Israel aus Ägypten in der Wüste im Auftrag Gottes hatte anfertigen lassen.. Später ging die Stiftshütte in den Tempel Salomos in Jerusalem ein, und auch die im Buch der Könige beschriebene Ausschmückung der Wände mit Engeln findet sich in der Krypta wieder. Darüber hinaus gibt es jedoch auch deutliche Bezüge zu dem in der Offenbarung des Johannes beschriebenen Tempel im himmlischen Jerusalem. In der Projektion des himmlischen Bauwerkes auf die Erde spiegelt sich die Heilserwartung der damaligen Menschen. So werden in der Krypta die Zeiten umschlossen, die Herkunft und Verwurzelung des Christentums im Alten Testament, das Erscheinen Christi auf Erden, die in ihren Reliquien anwesenden Märtyrer und Heiligen bis zur zukünftigen Bestimmung der Kirche im himmlischen Jerusalem…

Detail aus dem Palmetten-Ornamentband
Rekonstruktion (oberes Bild)
heutiger Befund (unteres Bild)

Während die Andreaskirche im Lauf der Zeit vielerlei Veränderungen erfuhr, blieb die Krypta unversehrt erhalten; ein von vier Säulen getragener, gut sechs mal sechs Meter großer und drei Meter hoher Raum unter dem erhöhten Altarraum. Die Malereien in den Fensternischen und an den Gewölben zeigen Christus in einer Mandorla und die auf IHN bezogenen alttestamentlichen Opfer des Abel, Abraham und Melchisedek, außerdem einen zur aufgehenden Sonne ausgerichteten Prozessionszug von Engeln, sowie Ornamentbänder und allegorische Darstellungen von Tugenden in elf Medaillons. Sie wurden in sogenannter Seccotechnik ausgeführt, also auf den bereits trockenen und abgebundenen Putz aufgetragen. Im Lauf der Jahrhunderte verschwanden die Bilder unter bis zu acht Farbschichten und wurden erst 1932 wiederentdeckt und renoviert.

Die Krypta
zur Zeit der Restaurierung

Weihe der Krypta
durch Bischof Algermissen
3. Februar 2006

Dieser Raum, der unter dem Altar verborgen liegt, birgt die Reliquien von Christi Zeugen in einer kostbaren Krone, - Sinnbild für die Gemeinschaft der Heiligen, die sich mit dem Opfer Christi vereinigten. Abel, Abraham und Melchisedek, in den Fensterlaibungen der Krypta dargestellt, sind Vorbilder für die Opfergesinnung Christi. Unsichtbares wird hier sichtbar: die Welt der Engel und der ganzen himmlischen Kirche. Die Kräfte Gottes, die Tugenden (virtutes), durchwalten das All. In elf Medaillons dargestellt, ermahnen sie die Menschen, ihre Würde als Gottes Ebenbilder neu zu bedenken. Der Altar weist zur aufgehenden Sonne, Christus, der unserer finsteren Welt als Licht erscheint. Das himmlische Jerusalem, in der Reliquienkrone dargestellt, “braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten; denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie, und ihre Leuchte ist das Lamm.” (Offb.21,23).

Blick durch die schmiedeeiserne Tür

Die Krypta kann zusammen mit der Kirche St. Georg auf der Insel Reichenau als eines der wenigen Beispiele für einen Sakralraum mit einer nahezu komplett ablesbaren Raumgestaltung aus ottonischer Zeit gelten.

Blick durch den Rundbogen
über dem Grab von Abt Richard

Dieses kostbare Kunstwerk kann dem heutigen und hoffentlich auch zukünftigen Betrachter einen visuellen Eindruck der Weltdeutung und Glaubensinhalte mittelalterlicher Frömmigkeit vermitteln...

Engel mit Sphaira (Kosmos-Kugel)

Die Wandmalereien erlauben einen fundierten Vergleich mit dem prachtvollen Buchschmuck der fuldischen Klosterschule und geben einen Einblick in die Eigenständigkeit und Leistungsfähigkeit des Kunstschaffens im Kloster Fulda zu Beginn des 11. Jahrhunderts.