Der heilige Bardo (980-1051)

Geschrieben von Gisela Frisch

Der hl. Bardo lebte und wirkte in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts, in einer Zeit, in der die Könige und Kaiser sich aus tiefer Überzeugung als von Gott eingesetzt betrachteten und daher nicht nur in die weltlichen, sondern auch in kirchlichen Dingen die Entscheidungsbefugnis für sich beanspruchten. Die großen Ländereien der Bistümer und Reichsklöster wurden als Reichsgut angesehen, und ihre Inhaber hatten die Verpflichtung, den König, der ja keine feste Residenz hatte, mit seinem Gefolge oft längere Zeit zu beherbergen, seinen Hoftagen beizuwohnen und ihn mit ihren Leuten auf Kriegszügen oder Romfahrten zu begleiten.

Verständlicherweise beanspruchte der König deshalb auch das Recht, die Bischöfe und, wie wir gleich sehen werden, zu Beginn des 11. Jahrhunderts auch die Äbte der Reichsabteien selbst auszuwählen und einzusetzen. Sie sollten seine getreuen Gefolgsleute sein. Anderseits fühlte sich der König aber auch persönlich für das religiöse Leben in seinem Land und besonders in den Klöstern verantwortlich. Die geistlichen Würdenträger selbst waren meist zweite oder dritte Söhne aus vornehmen Familien, die z.T. in dem kirchlichen Amt in erster Linie ihre Versorgung und die Möglichkeit zur Mitwirkung in der Reichspolitik sahen. Nicht alle fühlten auch eine religiöse Berufung.
 
Bardo als Mönch im Kloster Fulda

Anders war es bei Bardo. Auch er war als Kind von seinen Eltern, Adalbero und Christina, Mitgliedern einer vornehmen Familie aus Oppershofen bei Butzbach in der Wetterau, zur Ausbildung dem Kloster Fulda übergeben worden, während seine Brüder Heliso und Harderath dem König dienten und sich als tapfere Krieger auszeichneten. Doch Bardo studierte das Evangelium, die Psalmen und alle kirchlichen Schriften mit großem Eifer, während er die weltliche Philosophie verachtete und bei den Übungen der Schulberedsamkeit "aus Angst vor seinem Lehrer schwitzte". Seine Weisheit und sein Scharfsinn wurden schon in seinem jugendlichen Alter allgemein gerühmt.

Im Alter von 33 Jahren – er hatte inzwischen die Mönchsgelübde abgelegt – wurde Bardo in die Auseinandersetzung zwischen König Heinrich II. und dem von den Mönchen rechtmäßig gewählten Abt Brantho hineingezogen. Heinrich setzte zur Durchführung der Mönchsreform (gemeint ist die clyniazensich-gorzische Reform) im Jahr 1013 Brantho kurzerhand ab und übergab das Kloster dem Abt Poppo von Lorsch, der eine Gruppe seiner eigenen Mönche mitbrachte. Daraufhin verließen fast alle Fuldaer Mönche das Kloster...

In den folgenden Jahren setzte sich Bardo konsequent für die Ziele der Reform ein, und zwar zunächst im Kloster Fulda, dann als Vorsteher (praepositus~Propst) der Neugründung auf dem Andreasberg, seit 1029 als Abt von Werden (heute Stadtteil von Essen), seit 1031 als Abt von Hersfeld und schließlich von 1031 bis zu seinem Tod als Erzbischof von Mainz.

Dabei wirkte er durch seine Überzeugungskraft und durch sein Vorbild, nicht durch gewaltsame Änderungen der bisherigen Gewohnheiten. In Fulda scheint er zum Vermittler zwischen den ausgezogenen Mönchen und den vom König eingesetzten Reformäbten Poppo und später Richard geworden zu sein. So durchlief er die ganze Stufenleiter der klösterlichen Ämter und wurde schließlich zum Dekan gewählt und zum Vorsteher der Klosterschule bestellt.

Jetzt war er "unter den Großen der Größte und unter den Kleinen der Kleinste. Für die Älteren gab er sich furchterregend und für die Jüngeren liebenswürdig. Die Jüngeren kamen zu ihm wie zu einem Vater, die Älteren betrachteten ihn als Richter." Unerbittlich setzte er sich ganz im Sinn der Reform für den gemeinsamen Besitz der Mönche ein. Was auch immer dem Kloster gehörte, sollte allen gehören. Es wird erzählt, daß der Bruder Kellermeister ein Faß Essig besaß, von dem er den Mitbrüdern nichts gab. Bardo ließ den ganzen Vorrat ausschütten, damit niemand von diesem Gegenstand des Ärgernisses genieße.

Bardo als Vorsteher am Neuenberg

Wann mit dem Bau unseres Andreasklosters begonnen wurde, wissen wir nicht. Sicher ist das Weihedatum der neuen Kirche am 11. September 1023, und sicher ist auch, daß der große Reformabt Richard seinem bisherigen Dekan die Leitung seiner Neugründung übertrug. Jetzt mußte sich Bardo auch in praktischen Aufgaben bewähren, was seine Vita eigens hervorhebt. Er hat sicher wesentlich am Bau des Andreasklosters mitgewirkt, denn von seiner Zeit in Werden wird berichtet, daß er dort Klosterleute in den verschiedenen Bau- und Kunsthandwerken ausbilden ließ, und in Mainz vollendete er den Dombau. – Die Bedeutung des neuen Klosters zeigte ein Besuch des Königs am Andreasberg schon Ende März 1025. Ich möchte ihn als einen der bedeutenden Tage am Beginn der Neuenberger Geschichte anhand der Vita ein wenig ausführlicher schildern: Abt Richard führte König Konrad und seine Gemahlin Gisela in sein "Neues Kloster". Nach dem Gebet verließ der König die Kirche und erkundigte sich nach den Gegebenheiten der Neugründung, nach ihren Einkünften, nach den "Brüdern" und nach dem "Vater". Als er den Namen Bardos hörte, erkannte er in ihm voll Freude den Verwandten seiner Gemahlin Gisela, von dem er schon viel gehört hatte. Er umarmte und küßte ihn und versprach ihm bei nächster Gelegenheit eine höhere Stellung. Bardo hingegen, der den König ehrenvoll empfangen hatte, schenkte ihm einen königlich geschmückten Faltstuhl, den er eigens für diesen Anlaß hatte anfertigen lassen.

Bardo als Erzbischof von Mainz

Im Jahr 1031 bestellte Konrad II. Bardo zum Erzbischof von Mainz und damit zugleich zum Reichskanzler und Vorsteher der königlichen Kanzlei, also zum höchsten Würdenträger im Reich. Auch in dieser Funktion blieb Bardo Mönch und Seelsorger und nutzte seine politischen Möglichkeiten nicht. "Er tat, was einem Bischof geziemte, nicht, was in eines Bischofs Macht gelegen hätte." Er trug weiter die Kutte, hielt die nächtlichen Gebetszeiten ein und aß kein Fleisch, aber er tat sich auch nicht durch besonderes Fasten oder dergleichen hervor. Er war in seinem ganzen Wesen und Auftreten maßvoll und bescheiden, was seine Neider, deren es bei seiner raschen Karriere nicht wenige gab, zum Spott reizte: "Er sei ein Mönch; er könne wohl etwas in seinem Klösterchen bewirken, aber für einen solchen Thron sei er nicht der Geeignete." Bardo scherte sich nicht darum. Als Reichsfürst erfüllte er nur treu seine Pflichten; er zog sogar in zwei Feldzügen mit dem königlichen Heer gegen den Herzog von Böhmen.

Seine Predigten, die er an den großen Festtagen vor dem königlichen Hof hielt, bewegten alle Anwesenden zutiefst. Überall setzte er sich für eine würdige Gestaltung des Gottesdienstes ein. In seinem Bistum galt seine besondere Fürsorge den Armen und, wie wir heute sagen würden, den Randgruppen. Er gab Laien und Geistlichen niederer Herkunft gute Ämter, er kümmerte sich um die fahrenden Gaukler, die bei den Krönungsfeierlichkeiten für die Königin hatten auftreten wollen, aber vom Hof gewiesen worden waren, und er begnadigte einen Mann, der in der Osterzeit wegen Totschlags Kirchenbuße tun mußte. Nach seinem Tod beweinten ihn alle Bewohner der Stadt und sogar, wie es heißt, die Juden. Kein Wunder, daß er sogleich vom Mainzer Volk als Heiliger verehrt wurde und daß auch die zeitgenössischen Geschichtsschreiber ihn einen "heiligen" oder "verehrungswürdigen" Mann nennen.


Gisela Frisch